Areografieren / Marsschreiberin
Mars und Mass, Schreiben und Schneidern sind sich näher als man denkt.
Denn ein Text muss wie ein Handschuh sein: Ideal in der Passform, sich
nahtlos an den Gegenstand fügend, den er umgibt. Dennoch ist er auch etwas
Anderes, das eigenen Gesetzen folgt. Ein guter Text ist wie ein maßgeschneidertes
Gewand. Es umgibt Mensch, aber auch Ding, ohne sie zu verhüllen, sondern um beides
in seiner Eigenheit herauszustellen.
Als Autorin bin ich weder Kosmetikerin, noch Maskenbildnerin. Ich decke nichts
zu, ich übertünche nichts, ich dekoriere nichts mit Worten und Sätzen vom Krabbeltisch
der billigen Floskeln, auf dass es irgendwie passt. Es geht um Wahrhaftigkeit einer
Aussage. Daher verbieten sich aseptische Unisex-Texte, die Menschen und Dingen ein
weites oder zu enges Gewand überziehen. Die Inspiration gilt mir dabei wenig.
Was zählt, ist die Arbeit am Text. Sie gründet auf Beobachten, Sehen, Nachfragen,
Wahrnehmen. Handwerk und Technik, das Maß an Erfahrung und das Wissen um das rechte
Verhältnis von Inhalt und Form sind dabei unabdingbar. Ohne Effizienz kommt man dabei
nicht aus. Doch bei aller Konzentration auf den Prozess des Schreibens bleibt das
Wissen um den Blinden Fleck, den nicht zu fassenden Rest, der jedem Text und seinen
Entstehungsgründen eignet.
